Weniger ich, mehr wir

2026 ist das Internationale Jahr der Freiwilligen. Carlos Lindner aus der Siedlung Vogelsang engagiert sich schon viel länger für das Gemeinwohl. Wie ihm seine Ehrenämter gegen den Weltschmerz helfen, erzählt er im Gespräch.

An einem sonnigen Februarnachmittag sitzt Carlos Lindner im lichtdurchfluteten Siedlungslokal im Vogelsang. Das Lokal erinnert an eine hippe Bar, der braun-schwarz karierte Boden harmoniert perfekt mit dem hölzernen Mobiliar und den salbeigrün getünchten Wänden. Carlos kommt oft hierher. Manchmal für eine Sitzung, aber viel häufiger, um Wasser vom Sprudelhahn zu holen. «Das mache ich ab und zu auch im Pyjama», sagt er und lacht, «so sehr fühle ich mich hier zuhause.» Wenn Carlos über sein Daheim spricht, merkt man schnell: Der Vogelsang bedeutet ihm viel mehr als einfach ein Dach über dem Kopf.

Mehr Dorf als Siedlung

Carlos gehört zu den ersten Bewohner:innen der neuen Siedlung. Als 2021 die Wohnungen übergeben wurden, erhielt er zusammen mit seinem Zwillingsbruder den allerersten Schlüssel. Dass er im Vogelsang landete, sei reiner Zufall gewesen. Er habe sich «einfach mal beworben», nachdem er im Zug beim Einfahren in Winterthur
das Banner am damals entstehenden Neubau gesehen habe. Als ein Jahr später die Zusage kommt, weiss er gar nicht mehr, wofür. Eingezogen ist er mit seinem Bruder
und seiner damaligen Partnerin. Heute wohnt er zwar in einer anderen Wohnung und Konstellation, aber immer noch im selben Haus. In der Siedlung zu bleiben war ihm wichtig, denn hier hat er Freundschaften geschlossen. So trifft er sich regelmässig mit seiner Nachbarin Antje, mit der er stundenlang tiefgründige Gespräche führen kann. Oder mit Alex, der auf der gleichen Etage wohnt und mit dem er eine Leidenschaft für Squash teilt. «Der Vogelsang ist wie ein kleines Dorf», sagt Carlos. Die Architektur verbinde die Menschen: Durch die vielen gemeinsamen Höfe, Gänge und die geteilten Waschküchen treffe man sich ganz automatisch und müsse nicht aktiv nach neuen Bekanntschaften suchen.

An vielen Orten engagiert aber auch gern zuhause: Carlos schätzt beides sehr.

An der Schnittstelle von Klima und Gemeinschaft

Die positiven Auswirkungen der räumlichen Gestaltung auf das Zusammenleben und die Nachhaltigkeit in der preisgekrönten Siedlung haben Carlos so sehr inspiriert,
dass er kürzlich einen CAS im Bereich Arealplanung begonnen hat. Beruflich arbeitet er als Projektleiter bei einer Solarfirma. Aber nicht nur in Ausbildung und Beruf dreht sich beim 25-Jährigen vieles um die Themen Energiewende und Gemeinschaft. Carlos ist auch bekannt für sein ehrenamtliches Engagement in diesen Bereichen. So weibelt er beispielsweise im Quartier für sogenannte Energiegemeinschaften: eine Art Genossenschaft für Solaranlagen, bei der Nachbar:innen gemeinsam Strom produzieren und nutzen können. Dazu organisierte er kürzlich einen Anlass und verteilt im Quartier Flyer, die den Einstieg in das Thema erleichtern sollen. Ausserdem ist Carlos Teil des Co-Präsidiums von «food depot winti». Es bietet im Vogelsang und an einem weiteren Standort in Winterthur ein selbstorganisiertes Lebensmitteldepot mit regionalen, möglichst unverpackten Bio-Produkten an. Gemeinsam mit weiteren Engagierten aus dem Vogelsang wird das Depot organisiert und weiterentwickelt, die GWG stellt dafür den Raum mietfrei zur Verfügung.

Die Siedlungsküche ist das zweite Daheim von Carlos. Nicht nur wegen dem «Blööterliwasser».

Gemeinsam für eine bessere Welt

Dass Carlos bei all den Projekten für eine bessere Welt motiviert bleibt und sogar Stärke aus ihnen schöpft, hat auch mit seiner persönlichen Geschichte zu tun. In schwierigen Zeiten in seinem Leben hat er erlebt, wie schnell sich der Blick auf die Welt verdunkeln kann, wenn man allein ist und sich nur mit den Problemen beschäftigt, die einem umgeben. Umso wichtiger sei für ihn die Erkenntnis gewesen, dass man selbst Verantwortung dafür übernehmen kann, wieder mehr Verbindung zu schaffen. Ihm gelang das unter anderem über die Freiwilligenarbeit: «Wenn man Menschen findet, die ähnliche Werte teilen und für das Gleiche kämpfen, schöpft man wieder Hoffnung», sagt er. Dabei gehe es weniger darum, alle Probleme auf einmal lösen zu wollen – sondern vielmehr, sie nicht alle allein tragen zu müssen. Deshalb möchte er andere ermutigen, sich ebenfalls zu engagieren. Schon ein kleiner Beitrag für die Gemeinschaft helfe, sich weniger einsam zu fühlen. Die GWG biete dafür einen idealen Rahmen:
in der direkten Nachbarschaft, gemeinsam mit Menschen, die das ebenfalls möchten. Denn am Ende, findet Carlos, sei die Lösung für fast alles: «Weniger ich, mehr wir.»